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„Zur Schwäbischen Jungfrau“ – Ein Wiener Original

Das Wiener Traditionsgeschäft „Zur Schwäbischen Jungfrau“ residiert am Graben und kann auf eine über 300-jährige Geschichte zurückblicken. 1720 wurde das Leinen- und Baumwollwarenunternehmen von einem schwäbischen Kaufmann am damaligen Haarmarkt, heute Teil der Rotenturmstraße, gegründet. Seitdem ist viel passiert. Die Jungfrau hat mehrmals ihren Standort und Besitzer gewechselt. Seit 62 Jahren lenkt nun eine starke Frau die Geschicke des Qualitätsgeschäfts. Johanna Vanicek, bekannt unter ihrem Spitznamen Hanni, übernahm die Jungfrau mit 21 Jahren und machte aus ihr ein angesehenes Unternehmen mit Kundinnen und Kunden in der ganzen Welt. Vom malaysischen Königshaus bis zum Sultan von Pahang - das Team der Schwäbischen Jungfrau hat sie alle mit Tisch-, Bett- und Frotteewäsche ausgestattet.

Dass die Kundschaft dem Unternehmen treu bleibt, liegt neben der Qualität der Ware auch an der lebenslustigen und charmanten Geschäftsführerin. Die „Linen Lady“ lebt für ihr Geschäft, kann stundenlang Geschichten aus ihrem ereignisreichen Leben erzählen und zieht damit alle in ihren Bann. Ihre 83 Jahre sieht man ihr nicht an und auch mit ihrer Einstellung zu Themen wie Nachhaltigkeit, faire Produktion und Qualität bleibt sie stets am Puls der Zeit. „Man muss den Leuten zeigen, wie sie Dinge pflegen können und dass gute Qualität auch lange hält. Wenn sie einen Dreck kaufen, können sie ihn auch wie Dreck behandeln. Menschen werden ausgenützt, um billige Ware herzustellen“, kritisiert sie. Wir haben das Wiener Original Hanni Vanicek am Graben besucht und mit ihr über ihr Geschäft, wichtige Lebensereignisse und die Zukunft gesprochen. Und eines können wir schon vorwegnehmen: Frau Hanni hat noch viel vor!

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© Claudia Madlener


Fühlen Sie sich als Wiener Original?

Ja. Die Schwäbische Jungfrau ist immerhin 300 Jahre alt. Das ist protokolliert. Ich bin sozusagen die einzige protokollierte Jungfrau auf der Welt. Ich habe den Herren der Schöpfung immer gesagt: Was immer Sie mit mir anstellen, ich bleibe eine Jungfrau! (lacht)
Aber im Ernst, es gibt so schöne, alte Geschäfte, die einfach zu Wien gehören und die sollte man auch pflegen und unterstützen. Ich sage immer, wir Geschäfte sind die Landschaftsgärtner der Innenstadt.

Die Schwäbische Jungfrau ist eines der ältesten Geschäfte in Wien.

Ja, viele andere gibt es leider nicht mehr. Wir hatten in unseren 300 Jahren Bestehen verschiedene Standorte. Zuerst am Haarmarkt, da gibt es eine Legende, dass sogar Maria-Theresia als Kind ihr erstes Spitzentascherl von der Schwäbischen Jungfrau bekommen hat. Heute sind wir am Graben. Den oberen Stock habe ich 1975 dazu gemietet. Das Haus war voller Bombenschäden, als ich es übernommen habe.

Seit wann führen Sie das Geschäft?

Seit 1959. Meine Eltern waren davor lange Kunden, und als sie erfahren haben, dass das Geschäft verkauft werden soll, haben sie es für mich genommen. Ich war damals 21 Jahre alt. Vor der Übernahme konnte ich noch sechs Wochen in einer Leinenfabrik in Deutschland ein Praktikum machen. Dann bin ich zurückgekommen und ins kalte Wasser gesprungen. Mein Startkapital war 19.800 Schilling, die ich mir erspart habe. Ich war nämlich davor Näherin und auf der Modeschule. Eigentlich wollte ich ja Sängerin werden. Aber mein Vater meinte dann: Bevor du eine mittelmäßige Künstlerin wirst, lern auf jeden Fall was Gescheites! (lacht)

Das heißt, die Liebe zum Nähen war immer schon da?

Ja, auch meine Mutter hat für uns schon immer viel genäht. Meine Eltern haben mir beigebracht: Orientier dich am Schönen.

Und wie waren Ihre ersten Geschäftsjahre?

Zu Beginn hatte ich noch ein paar Probleme. Bei der Innung wollten sie mir zuerst den Gewerbeschein nicht geben. Ich hatte Monate lang am Abend nach der Arbeit einen Meisterkurs gemacht. Ich war dann Meisterin in Damenschneiderei, aber sie meinten, mir fehlt die Meisterprüfung in Weißnähen. Da habe ich dort einen Schreikrampf gekriegt und vor Wut geheult und dann habe ich den Gewerbeschein bekommen. Ein Vertreter hat mir später erzählt, dass alle sich gefragt haben, ob ich das packe. Aber ich hab’s geschafft! Meine Familie hat mich auch immer unterstützt und ich kann ordentlich zupacken.

Wer ist heute Ihre typische Kundschaft?

Unser Standbein war immer das Bürgertum. Aber auch die Aristokratie, also große Häuser. Das ist nach wie vor so. Aber wir sind natürlich für alle offen, die Sinn für Qualität haben.

Was würden Sie einer jungen Unternehmerin oder einem jungen Unternehmer heute raten?

Zu allem gehört Glück, Talent und Fleiß. Das hat mein Vater immer gesagt. Ein bisschen Glück muss man schon haben. Wenn ich damals bei meiner Meisterprüfung nicht aufgedreht hätte, hätte ich das Geschäft nicht bekommen. Und jeder sollte das machen, was ihm oder ihr Freude macht!

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© Claudia Madlener

Jetzt führt ihr Neffe ja auch das Geschäft mit, oder?

Ja, genau, er ist jetzt sechs Jahre bei mir und er ist sehr brav! (lacht)

Wie geht das Geschäft momentan in der Krise?

Ich glaube, dass viele ihre Anschaffungen momentan aufschieben. Viele Menschen haben ja auch ihren Job verloren. Aber die Kundschaft bleibt uns schon treu. Wir haben schon viel mitgemacht. 1968 gab es zum Beispiel einen Brand im Geschäft. Das war schrecklich für mich, aber wir haben alles überlebt.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Wenn man 83 ist, hat man wahrscheinlich nicht mehr 50 Jahre, sondern nur mehr 20 Jahre und das ist mir schon ein bisschen wenig. Ich hätte noch viel vor. Ich möchte noch viel lesen und mich noch mehr mit Kunst und Musik auseinandersetzen. Ich würde gerne die schönen Dinge des Lebens noch besser genießen. Vieles ist doch in der Arbeit untergegangen. Aber ich fühle mich noch jung!

Zur Schwäbischen Jungfrau
Graben 26, 1010 Wien
zsj.at/de/

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